Fliegenfischen auf dem Polarkreis
Zu Fuss unterwegs an der Westküste Grönlands
Aus dem kleinen Fenster der Propellermaschine vom Typ «Dash 7» der Fluggesellschaft «Air Greenland» können wir die
Landebahn des kleinen Flughafens Sisimiut erkennen. Auf den sich nähernden Hügeln reihen sich die bunten Häuser der
zweitgrössten Kommune Grönlands. Wir sind angekommen, angekommen am Anfang unserer Reise. Auf uns warten
unvergessliche Tage im «Land der Menschen» wie Grönland liebevoll von den Einheimischen genannt wird.
Tage im Einklang mit der Natur und im Kampf mit einem der kämpferischsten Salmoniden der Welt, dem Arktischen Saibling (salvelinus alpinus).
In der Eingangshalle des Flughafens treffen wir wie vereinbart auf Marius. Er wird uns mit seinem Boot in das ca. 60 Kilometer
südlich gelegene Mündungsgebiet des Qôrorssuaq fahren. Doch bevor wir für die kommenden Tage in die noch unberührte
Natur Westgrönlands eintauchen werden, gilt es, die letzten Besorgungen zu machen. In Sisimiut, der zweitgrössten
Ortschaft Grönlands, mit seinen 5500 Einwohnern, erhält man alles, was das Herz begehrt. Im Postoffice lösen wir den
Angelschein, im Supermarkt werden die letzten Süssigkeiten besorgt und an der renovierungsbedürftigen Tankstelle
füllen wir die Benzinvorräte für unsere Kocher auf.
Anschliessend geht’s zum Hafen, wo das Boot in den auslaufenden Wellen des Atlantischen Ozeans langsam auf und
abwiegt. Unsere zweistündige Bootsfahrt führt uns vorbei an einer schroffen und zerklüfteten Landschaft.
Vor uns taucht eine Robbenschar, auf ihrer Suche nach Beute. Etwas später sehen wir Wale, welche ihre meterhohen
Fontänen zur Begrüssung in die Luft blasen. Bald schon erreichen wir die von uns angepeilte Bucht, welche uns als
Ausgangspunkt für unser Abenteuer dienen wird. Ab hier gibt es kein zurück. Auf uns alleingestellt werden wir die
kommenden 10 Tage in völliger Abgeschiedenheit verbringen, an einem Ort fernab jeglicher Zivilisation, an einem
Fluss fast direkt auf dem Polarkreis.
Unsere Rucksäcke werden an Land geschafft, und bald darauf verabschiedet sich Marius mit einem verwegenen,
grönländischen Lächeln. Schnell verschwindet das Boot hinter der nächsten Inselgruppe. Kurze Zeit später ist
auch das dröhnen des Dieselmotors verstummt. Wir sind allein.
Die Ruhe ist jedoch nur von kurzer Dauer. Alsbald wird die Stille vom Summen etlicher stechender Plagegeister
durchdrungen. Kribbelmücken versuchen in alle möglichen Öffnungen vorzudringen. Zum Glück haben wir uns auf diese
Armee von Fluginsekten vorbereitet. Die mitgebrachten Mückennetze geben uns den nötigen Abstand zur fliegenden
Aussenwelt.
Ein Blick auf die Karte verrät uns, dass wir noch einen langen Fussmarsch bis ins Tal des Qôrorssuaq zu gehen
haben. Langsam schieben wir uns voran durch die karge Tundravegetation aus Zwergweiden, Blaubeersträuchern und
Flechten. Die schweren Rucksäcke gestalten das Gehen in diesem Terrain nicht einfacher. Immer wieder versperren
uns kleine Seen den Weg, ein Meer von weissem Wollgras kündet das nächste Moorgebiet an. Nach dem erneuten Besteigen
eines Hügels eröffnet sich uns jener Anblick, auf den wir schon seit unserer Abreise gewartet haben: Unter uns
breitet sich, inmitten der felsigen Landschaft, das grüne Tal des Qôrorssuaq aus. Wie eine silberne Schlange liegt
der Fluss vor uns, darauf wartend, von uns erforscht zu werden.
Ein erster Blick in das kristallklare Wasser des Flusses verschafft uns ein wundervolles Gefühl der Zufriedenheit.
In den tiefen Rinnen können wir ganz klar die weiss umrandeten Flossen der Arktischen Saiblinge erkennen.
Etliche Fische liegen im Flussbett und warten auf den richtigen Moment, um in die höher gelegenen Seen aufsteigen
zu können.
Schnell ist die angestaute Müdigkeit vergessen, das sich breit machende Hungergefühl verdrängt, jetzt zählt nur noch
eins, die Fische zu fangen für welche wir die lange, strapaziöse Reise auf uns genommen haben.
Schon nach wenigen Würfen können wir die ersten Arctic Chars überlisten. Unsere Streamer in blauer und oranger Farbe
werden vehement attackiert. Während sich unsere Fliegenruten zu parabolischen Halbkreisen formen, absolvieren unsere
Gegenspieler akrobatische Luftsprünge und versuchen ihr Glück in wilden Fluchten. Die Arktischen Saiblinge hier sind
silberblank. Wir sind überrascht, welche Gegenwehr und Kampfstärke sie uns entgegensetzen.
Die Fische werden schonend wieder in ihr Element zurückgesetzt, sozusagen als Glücksbringer für die kommenden Tage.
An diesem Abend hält uns die Mitternachtssonne lange wach. Erst spät kriechen wir in unsere Schlafsäcke und übergeben
uns den Wächtern der Träume.
In den folgenden Tagen erkunden wir die Gegend auf den unteren Kilometern des Flusses, unsere Fliegenruten als
stete Begleiter. Wir fangen viele, oft blanke Fische in der 3-6 Pfundklasse. Mit viel Power starten sie ihre wilden
Fluchten, welche meist erst im Bereich des Backings enden. Unsere Tage sind ausgefüllt mit massenhaft Drillszenen und gutem Essen.
Mit der Zeit macht sich das herrliche Wetter am Pegel des Qôrorssuaq bemerkbar. Der Wasserstand nimmt mehr und mehr
ab, und so gestaltet sich die Fischerei im Unterlauf zunehmend schwieriger. Deutlich verringert sich die Zahl der
Neuaufsteiger, welche ihren Weg vom Meer in ihr Winterquartier suchen. Durch den niedrigen Wasserstand sehen wir uns
gezwungen, unseren Standort zu wechseln. Wir verlassen unseren angetrauten Lagerplatz und ziehen mit unserer
Ausrüstung weiter, an den oberen Teil des 25 Kilometer langen Flusslaufs. Überraschenderweise gestaltet sich hier
die Fischerei noch leichter als zuvor. Im wilden Wasser fangen wir oft Fisch an Fisch. Ihre Rotfärbung ist ein
Zeichen dafür, dass sich die Saiblinge schon länger im Süsswasser befinden. Dennoch strotzen sie vor Kraft,
welche sie in harten Drills immer wieder unter Beweis stellen.
Um unsere Armmuskulatur zu schonen, unternehmen wir nachmittags oft lange Streifzüge in die nahe Umgebung.
So ist uns kein Hügel zu weit und kein Berg zu hoch. Immer wieder sind wir fasziniert von der Natur, welche sich
hier in einer bezaubernden Landschaft präsentiert. Zwischen schroffen Hügelzügen treffen wir auf grüne Täler.
Immer wieder entdecken wir Seen, wie Oasen eingebettet in einer grossen Wüste aus Steinen.
Die letzten Tage unseres Aufenthaltes rücken unweigerlich näher. Es ist langsam an der Zeit sich vom Fluss und
seinen Bewohnern zu verabschieden. Noch ein letztes Mal lassen wir unsere silberblauen Kettenaugenstreamer,
welche wir in den vergangenen Tagen zu unseren Favoriten erkoren haben, in die tiefen Kolken treiben und warten
auf die heftigen Attacken der Arctic Chars. Da, wo der Fluss in einen breiten See übergeht, fange ich noch einmal
einen silberblanken Saibling, welcher sich mit diversen Luftsprüngen in Szene setzt, als wolle er sich von mir
verabschieden. Behutsam setzte ich ihn zurück in seinen natürlichen Lebensraum, wohl wissend, dass es in diesem
Urlaub der letzte war, welcher meine Fliegenrute auf Herz und Nieren prüfte.
Morgen geht’s zurück ans Meer und wenn alles klappt, wird uns Marius mit seinem Motorboot wieder zurück ins zivile
Leben bringen.
--> Zu den Fotos
Herzlichen Dank an Marius
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